Anekdoten und Briefe 2/2
zur Sparsamkeit und Bescheidenheit

EIN großer Geist findet auch in seinem eigenen Hause Gelegenheit, sich zu entwickeln. Nicht nur der nützt dem Staate, der Ämtersuchende fördert, Beklagte in Schutz nimmt, über Krieg und Frieden urteilt, sondern auch der, der die Jugend ermuntert, bei dem gegenwärtigen Mangel guter Lehrer die Gemüter mit Tugend ausrüstet und die dem Gelde wie der Verschwendung Nachstürzenden ergreift und zurückzieht ... Das beste Maß im Umgang mit Geld ist, sich nicht weit von der Armut zu entfernen, jedoch auch nicht zu ihr herabzusinken. Dieses Maß wird uns gefallen, wenn wir zuvor an der Sparsamkeit Gefallen gefunden haben, ohne die auch die größten Schätze nicht ausreichen. Und die Armut selbst sie läßt sich durch Haushalten in Reichtum verwandeln.
SENECA an den Annaeus Severus, Hauptmann der Leibwache des Kaisers

Lieber junger Freund!

PLATO untersagt in seinen "Gesetzen", sich beim Nachbarn Wasser zu schöpfen, wenn man nicht auf seinem eigenen Grundstück vorher bis zur Tonschicht vergeblich hinuntergegraben hat ... Er fordert also, daß man fremdes Wasser nur dann nutzen dürfe, wenn man sich eigenes nicht beschaffen kann, denn nur Notleidenden soll nach dem Gesetz in solchem Fall Hilfe geschafft werden. - Ein solches Gesetz müßte es auch in bezug auf Geld geben: ein Verbot, beim Nachbarn zu borgen,. .. bevor man daheim alle eigenen Möglichkeiten erschöpft und die letzten Tropfen eigenen Könnens zusammengegossen hat. - Heutzutage aber greift mancher in gedankenloser Bequemlichkeit oder ungezügelter Verschwendungssucht nicht auf das eigene vorhandene Vermögen zurück, sondern borgt zu hohen Zinsen, ohne es eigentlich nötig zu haben ... Warum willst Du Dich denn vor einem Wechsler oder Geschäftsmann klein machen? Wir müssen alles Unnütze von Tisch und Bett und Wagen, aus unserer ganzen Lebenshaltung verbannen, um uns unsere Freiheit zu retten ...
PLUTARCH (46-I25) an Paccius

Mein lieber Andres,

wir haben einen recht lustigen Tag gehabt. Du weißt wohl, ich habe vieles nicht, aber 'n Geburtstag hab ich doch, und der ist gefeiert worden. Des Morgens vor Sonnenaufgang las ich 'n Kapitel in der Bibel, legte drauf meine rote Weste an, die ich in Japan bei der Audienz anhatte, und sah darin die Sonne aufgehen, und weckte denn alle Leut' im Hause. Eine Stunde darauf feuert' ich 'n Pistolenschuß los. Nachdem nun solchermaßen dem Publiko war kund getan worden, was den Tag werden sollte, waren wir einige Stunden ganz stille, den Effekt davon abzuwarten; doch wuschen wir uns während der Zeit alle im klaren Bad das Gesicht, damit es recht fröhlich aussehe, und gingen 'n kleines am Bach auf und nieder. Um sieben Uhr ward 'n Signal gegeben, daß das Frühstück parat sei, und wir züngelten 'n wenig, und nach dem Frühstück ging's Glückwünschen an. Von den fünf Geburtstagsleuten war einer und ich gegenwärtig, die drei andern aber nicht. Wir beide empfingen also von der ganzen Gesellschaft einen Glückwunsch und Handschlag. Die Abwesenden aber wurden mit Kreide auf den Tisch gemalt, und 'n jeder von der Gesellschaft machte 'n Strich zu ihren Füßen. Weiter wurden nun allerhand Gespräche von Geburtstägen geführt, Geschichten erzählt, Fragen aufgegeben, z. Ex. warum 'n Geburtstag nur alle Jahre einmal kömmt usw. Um zwölf Uhr ward zur Tafel geblasen, und weil gerade keine Trompeten und Pauken zur Hand waren, mußte ich's auf'rn Triangel tun. Die Tafel war von acht Kuverts und drei Gängen. Zuerst Reisbrei in einer großen Schale mitten auf dem Tisch, und nach kurzer Weile auch auf acht Teller rund um die Schale; denn kam Butter und Kalbfleisch; und zuletzt Kuchen. Du siehst draus, daß wir hoch schmausten; zugleich kannst Du aber daraus sehen, daß der Luxus seit Abrahams Zeit um ein Drittel gestiegen ist. Mein Vetter spendierte auch einige Flaschen guten Wein, die denn gewaltig wirkten und vor Gesundheiten, die aus dem Munde herauskamen, kaum hineinkommen konnten, und die Pistole brummte immer drein und zerarbeitete sich recht. Nach der Tafel ward von jung und alt eine große Promenade in den Wald vorgenommen. Die Schapoos machten bei der Gelegenheit allerhand Sprünge wie die Ziegenböcke, und die Weibsleute kramten mit Blumen. Um fünf Uhr kamen wir wieder zu Hause, und ward gleich Order gegeben, daß die Oper angehen sollte. Sie war von meinem Vetter und führte den Titel: Ahasverus und Mardochai. Es war eigentlich eine Wandoper, die so mit einem Stock an der Wand vorgestellt wird, und erhielt allgemeinen Beifall. Nach der Oper wurden Bäume gepflanzt, damit die Kinder und Kindeskinder sich dabei dieses Tages erinnerten, und sich von den vier Gevattern und der Pistole und der Oper Ahasverus und Mardochai erzählten. Abends war wieder Grand Souper von Kartoffeln und Kaltenhöfer Bier; und damit wars alle, wirst Du denken. Das dacht' ich auch; aber höre weiter. Es hatte schon den ganzen Tag gemunkelt, daß 'n Feuerwerk abgebrannt werden sollte; nun ward es aber hautement deklariert, und die ganze Gesellschaft begab sich in Prozession hinten in meines Vetters Garten das Feuerwerk anzusehen. Es bestand aus einem Petermännchen von anderthalb Zoll und reüssierte ungemein. Um 10 Uhr 8 Minuten ging das Feuerwerk an, und währte bis 10 Uhr 8 1/3 Minute. - Du lachst Andres? Hör', das Groß und Viel tuts nicht immer, und ich schwöre Dir, daß der Groß-Sultan, wenn er an seinem Geburtstag ein Feuerwerk von 2oooo Löwenthaler abbrennen läßt, nicht vergnügter sein kann, als wir bei dem Petermännchen von anderthalb Zoll waren. Der Mensch ist gottlob so gebaut, daß er mit anderthalb Zoll recht glücklich sein kann, und wenn das die Leute nur redet wüßten, so würde 'n großer Teil Ach und Weh weniger in der Welt sein. Da mischen sich aber gleich Eitelkeit und Stolz ein, und die hemmen allen Genuß, und das ist ein großes Unglück. Um elf Uhr gingen wir zu Bett, und schliefen flugs und fröhlich ein.
MATTHIAS CLAUDIUS (I740-I8'5) an Andres, im August I777

MEIN ETAT,

auf den ich halten muß, wenn ich am Ende des Jahres nicht selbst gegen andere Verbindlichkeiten haben will, . . . erlaubt mir nicht, das mindeste über die 2oo Taler für Sie zu tun ... Damit suchen Sie auszukommen - jeder Mensch hat seine Pflicht. Wenn Sie von irgend jemand borgten, würde es mir sehr unangenehm sein. Eben diese unselige Unruhe, die Sie jetzt martert, hat das Unglück Ihres ganzen Lebens gemacht. Sie sind mit 1ooo Talern nie zufriedener gewesen als jetzt mit den 2oo, weil Ihnen immer noch etwas zu wünschen übrig blieb und Sie sich nie gewöhnt haben, Ihre Seele in den Grenzen der Notwendigkeit zu halten ... Schränken Sie sich ein! Das Muß ist hart, aber beim Muß allein kann der Mensch zeigen, wie's inwendig mit ihm steht. Willkürlich leben kann jeder!
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749-1832) an Krafft, am 3 1. Januar I 7 8 I

NICHT

das hitzige Arbeiten verbessert unsere zeitlichen Umstände. Wenn Sie dann das Mehrverdiente in der Haushaltung verbrauchen, so bleibt doch nichts übrig. Sparsamkeit, Einschränkung des (Überflüssigen (der Verdiener kommt dabei gewöhnlich am wenigsten zum Genusse!), das setzt uns in den Stand, mit größerer Gemächlichkeit, d. h. vernünftiger, bedachtsamer, naturgemäßer, heiterer, ruhiger, gesünder zu leben. Das wird doch wohl lobenswerter, wird wohl weiser und klüger gehandelt sein, als das atemlose Überjagen und Überspannen unserer Nerven, das ... zur Zerrüttung des kostbarsten Schatzes unseres Lebens, des frohen ruhigen Mutes und der Gesundheit, führt. Zu genießen, durch Körper und Geist in Ruhe zu genießen, dazu ist der Mensch auf dieser Erde, und dabei nur soviel zu arbeiten (nicht sich zu schinden), daß jene Genüsse herbeigeschafft werden können. Das ewige Drängen und Treiben der blinden Menschen, um so und so viel zu erwerben, . . . ist der gewöhnliche Ruin unserer wahren Wohlfahrt, ist die gewöhnliche Ursache, daß junge Leute vor der Zeit altern und sterben. . . Und wenn Sie die letzten 2 Groschen in der Tasche haben, auch da seien Sie froh und heiter ... Wieviel brauchen wir Menschen denn, um zu leben, um unsere Kräfte durch Speise und Trank zu ersetzen, um uns vor Frost und Hitze zu schützen? Wenig mehr als guten Mut. - Der Weise bedarf wenig! Ersparte Kräfte brauchen nicht durch Arzneien ersetzt zu werden.
DR. SAMUEL HAHNEMANN (i755-i843), der Begründer der Homöopathie, an einen seiner Patienten in Gotha, im Jahre 18oo

ICH

werde diesem Briefe eine Anweisung ... auf 3oo Taler beilegen. Damit haltet haus ... Zwar ist es freilich hart, daß man das, was man soeben mühselig verdient hat, gleich wieder hergeben soll; indessen muß man schon zufrieden sein, daß man es verdienen konnte ... Ich habe soviel von Euren Schicksalen gehört, daß ich gern zahlen will, ohne gelitten zu haben, da ich doch, wenn ich mitgelitten hätte, darüber auch noch zahlen müßte.
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE an Christiane, am 6. Juli 18I3

ICH MUß

Ihnen aufrichtig sagen, daß mir Ihre Weise, wie Sie Ihr Geschäftsleben treiben, nicht gefällt. Des Morgens stehen Sie nach meinem Maßstab, wie ich den Tag berechne, wenigstens um drei Stunden zu spät auf. Für Sie gibt es daher gar keinen Morgen, sondern nur einen kleinen Rest vom Vormittag, und geschieht um so weniger, weil Sie manche Convenienz-Besuche und eine tägliche Visiten-Jagd in zehn Häusern für notwendig halten. Nach Tische glauben Sie nicht arbeiten zu dürfen, weil es Ihnen nachteilig sein könnte. Ich halte es für die Gesundheit viel schädlicher, vier Stunden am Spieltische zu sitzen als sechs am Arbeitstische. Des Abends gehört das Theater und nach demselben noch der Besuch eines Gasthauses unter Ihre Bedürfnisse, und nun eine Stunde vor Mitternacht fangen Sie mit allem Ernste zu arbeiten an, und klagen über das Gedränge von Geschäften, dem Sie halbe und ganze Nächte aufopfern müssen, und welches Ihnen, wie Sie sich ausdrucken, Gesundheit und Leben kostet. Nicht die Arbeit, sondern Ihre Methode zu arbeiten und die unrichtige Lebensordnung bringen Sie um Gesundheit und Leben, ohne daß Ihnen der Staat oder jemand in der Welt dafür Dank weiß, und während andere, welche wichtigere und mehr Geschäfte haben, gesund bleiben, und selbst an der Arbeit eines der Mittel zur Erhärtung der Gesundheit finden. Ihre Acten und Bücher liegen immer in der größten Unordnung umher, und manche Stunde muß unnötig verschwendet werden, um irgend ein Papier zu finden, wodurch Sie dann auch ganz unnötig in Ärger kommen. Den Augen ist das Lesen und Schreiben beim Kerzenlicht oder bei der Lampe ebenso schädlich als überhaupt das Nachtarbeiten der ganzen Gesundheit. Sie sind zwar nicht der Einzige, der eine unrichtige Manipulation in Beschäftigungen ergriffen hat. Ich kenne mehrere Geschäftsmänner und auch Hausfrauen, welche in ihren Sachen durchaus nichts in Ordnung halten können und bei ihren, an sich nicht anstrengenden Verrichtungen immer im eigentlichsten Sinne zappeln, stets im Gedränge und Gewühle sind ' und sich am Ende zu Tode arbeiten, ohne gearbeitet zu haben. Nur wer sich in allen seinen Geschäften an Ordnung und Leichtigkeit gewöhnet, dieselben, wenn es auch noch so Vieles zu tun gibt, und alle Geistesunruhe vermeidet, kann unglaublich viel, anhaltend und ohne allen Nachteil für seine Gesundheit arbeiten. Bringen Sie Ihre Schriften in die genaueste Ordnung, so daß Sie, wenn etwas zu suchen ist, alles augenblicklich finden. Stehen Sie frühe auf und gehen Sie beizeiten zu Bette. Wenn Sie am Tage hinlänglich fleißig arbeiten, brauchen Sie die Nacht nicht dazu. Ich gönne Ihnen, obwohl in meine Hände das ganze Jahr über keine Karte kommt, Ihre edle Passion des Spieles; aber es dürfte rätlicher sein, wenn Sie manchmal, statt sich an den Spieltisch zu pflanzen, eine Stunde Bewegung im Freien machen würden. Was die Convenienz-Besuche betrifft, so muß ich Ihnen sagen, daß niemand inniger und aufrichtiger die Großen verehren kann als ich; aber, daß niemand sie weniger mit Aufwartungen belästigt als ich. Die Herren sind ohnehin übermäßig mit Audienz geben belästigst; warum ihre Plage vermehren? Sie und ich haben nichts zu sollizitieren. Denen, die am Steuerruder des Staates sitzen, beweiset man Ergebenheit und Anhänglichkeit am richtigsten, wenn man ihre Aufträge erfüllt und seinen Obliegenheiten ordentlich und redlich nachkommt...
CLEMENS ALOIS BAADER (i762-I838) an Herrn H.

Lieber Sohn!

Vergesse nicht, dem Tobias die Quittung nebst dem Geld zu geben. Der Herr Instruktor hätte früher kommen sollen - da die Sache sich nun so verhält, so mußt Du ihm folgen. Ich wünsche auch nicht, daß Du den I4- September zu mir kommst. Es ist besser, daß Du diese Studien endigst. - Gott hat mich nie verlassen. Es wird sich schon noch jemand finden, der mir die Augen zudrückt. Es scheint mir Oberhaupt ein abgekartetes Wesen in dem allem, was vorgegangen ist, wo der Herr Bruder (Pseudo) eine Rolle mitspielt. - Ich weiß, daß später Du auch nicht Lust hast, bei mir zu sein. Natürlich, es geht etwas zu rein zu bei mir. - Du hast auch verflossenen Sonntag wieder i fl. 15 Kreuzer von der Haushälterin, diesem alten, gemeinem Kuchelmensch, geborgt. - Es war schon verboten. - Aber so geht es überall. Mit dem Gehrock wäre ich zwei fahr ausgekommen; freilich habe ich die üble Gewohnheit, im Hause einen abgetragenen Rock anzuziehen. Aber Herr Karl, o pfui der Schande! und weswegen? Der Geldsack Herr Ludwig van Beethoven ist ja bloß dafür da. - Du brauchst auch diesen Sonntag nicht zu kommen; denn wahre Harmonie und Einklang wird bei Deinem Benehmen nie entstehen können. - Wozu die Heuchelei? Du wirst dann erst ein besserer Mensch; Du brauchst Dich nicht zu verstellen nicht zu lügen, welches für Deinen moralischen Charakter endlich besser ist. - Siehst Du, so spiegelst Du Dich in mir ab; denn was hilft das liebevollste Zurechtweisen!! Erbost wirst Du noch obendrein. Übrigens sei nicht bange: für Dich werde ich immer wie jetzt unausgesetzt sorgen. Solche Szenen bringst Du in mir hervor - als ich die i fl. 15 wieder auf der Rechnung fand ... Leb wohl! Derjenige, der Dir zwar nicht das Leben gegeben, aber gewiß doch erhalten hat und, was mehr als alles andere, für die Bildung Deines Geistes gesorgt hat, väterlich, ja mehr als das, bittet Dich innigst, ja auf dem einzigen wahren Weg alles Guten und Rechten zu wandeln. - Leb wohl! Dein treuer, guter Vater.
LUDWIG VAN BEETHOVEN an den Neffen, Baden, am 14. September 1825

NUN

kannst Du Dir auf Deine alten Tage auch etwas mehr zu Gute thun als bisher. Ich habe mir das auch selbst vorgenommen, aber es gehört Entschluß dazu; man hat sich die verwünschte Sparsamkeit so angewöhnt, daß nur schwer davon loszukommen ist. Wenn indeß für alle Angehörigen gesorgt ist, so hat man wirklich die Verpflichtung, an sich selbst zu denken. GRAF HELMUTH VON MOLTKE an seinen Bruder Ludwig, am I2- 4. i882 AN der Kleinkinderschule würdest Du Deine Freude haben und auch die große Schule ist gut im Gange. 85 kleine Kapitalisten haben ihre Sparbücher und einige Mark in der Provinzial-Sparkasse deponiert; es ist so wichtig, daß man frühzeitig das Sparen lernt, das wissen wir aus eigener Erfahrung. Die neue Generation hat gleich anfangs eine Unterstützung gefunden, die keines von uns Geschwistern gekannt hat.
GRAF HELMUTH VON MOLTKE (18oo-1891) an seine Schwester Lene, am 3o. 6. 1878

ICH

bleibe, und werde immer fester in meiner alten Überzeugung, daß es nicht Lesen und Schreiben und sogenannte Kenntnisse sind, die dem Volk und den Menschen im allgemeinen wohltun; sondern alte ererbte Maximen; darunter die, daß Verschuldung Schande und ehrliche Vermehrung seines Vermögens, für den, der Zeit hat dafür zu sorgen, ehrenvoll ist; daß jeder für seinen Beruf geschaffen ist und ganz für ihn leben, muß, wodurch sich Verstand und Urteil von selbst entwickelt, wenn es da ist ...
B. G. NIEBUHR (1776-183I) Zirkularbrief aus Holland vom I3- 5. 1808

Mein lieber Helmuth!

ICH habe Dir das Geld geschickt, damit Du beizeiten lernst, mit Geld umzugehen. Wenn Du den ganzen Betrag in Deinem Sparkassenbuch anlegtest, so wärst Du ein Geizhals, wenn Du ihn in kurzer Zeit verläppeItest, so wärest Du ein Verschwender; das Richtige liegt in der Mitte. Wenn einem Geld geschenkt wird - später mußt Du es erst selbst erwerben -, so ist es gerechtfertigt, sich dafür Annehmlichkeit zu gewähren, aber klug, auch etwas für die Zukunft zu ersparen. Wie Du mit diesen 2o Mark verfährst, so wirst Du einst mit größeren Summen wirtschaften. Wer seine Einnahmen voll ausgibt, wird es zu nichts bringen, wer mehr ausgibt, wird ein Bettler oder ein Schwindler. Mit herzlichen Grüßen von uns allen, Dein Opapa Graf Moltke
GRAF HELMUTH VON MOLTKE (18oo-1891) an seinen Großneffen Helmuth, Creisau, aM 22. Oktober 189o

VÄTERLICHE

Ermahnung an Fanny nebst einem Groschen SPARSAMKEIT ist eine Tugend, Während Geiz ein Laster ist. Ach, daß unsre heutge Jugend Dieses gar zu leicht vergißt! Liebes Kind, ich bitt Dich drum, Eh Du einen Kreuzer ausgiebst, Dreh ihn zweimal, - einen Groschen Sechsmal in der Hand herum! Solches räth Dir Dein Berather, Freund Lind stets ge 3 er Vater* *der leider dieser goldenen Regel selbst sein Leben lang nicht nachgekommen.
FDUARD MÖRIKE (18o4-1875) an seine Tochter Fanny, Lorch, am g. Juni 1868

DIE

großen Taten der Menschen sind nicht die, welche lärmen; in der Regel sind sie Eingebungen von Affekten, die ebenso gut und sogar meistens Schwäche sein können. Das Große geschieht so schlicht wie das Rieseln des Wassers, das Fließen der Luft, das Wachsen des Getreides. Darum ist irgendeine Heldentat unendlich leichter und auch öfter da als ein ganzes Leben voll Selbstbezwingung, unscheinbaren Reichtums und freudigen Strebens.
ADALBERT STIFTER an Emilie von Schlechta, Wien, am 8. März I847

Sehr lieber Herr Kappus:

Ich habe einen Brief von ihnen lange ohne Antwort gelassen, nicht daß ich ihn vergessen hätte - im Gegenteil: er war von der Art derer, die man wieder liest, wenn man sie unter den Briefen findet, und ich erkannte Sie darin wie aus großer Nähe. Wenn ich ihn, wie jetzt, in der großen Stille dieser Fernen lese, dann rührt mich Ihre schöne Sorge um das Leben, mehr noch, als ich das schon in Paris empfunden habe, wo alles anders anklingt und verhallt wegen des übergroßen Lärmes, von dem die Dinge zittern. Hier, wo ein gewaltiges Land um mich ist, über das von den Meeren her die Winde gehen, hier fühle ich, daß auf jene Fragen und Gefühle, die in ihren Tiefen ein eigenes Leben haben, nirgend ein Mensch Ihnen antworten kann; denn es irren auch die Besten in den Worten, wenn sie Leisestes bedeuten sollen und fast Unsägliches. Aber ich glaube trotzdem, daß Sie nicht ohne Lösung bleiben müssen, wenn Sie sich an Dinge halten, die denen ähnlich sind, an welchen jetzt meine Augen sich erholen. Wenn Sie sich an die Natur halten, an das Einfache in ihr, an das Kleine, das kaum einer sieht, und das so unversehens zum Großen und Unermeßlichen werden kann; wenn Sie diese Liebe haben zu dem Geringen und ganz schlicht als ein Dienender das Vertrauen dessen zu gewinnen suchen, was arm scheint: dann wird Ihnen alles leichter, einheitlicher und irgendwie versöhnender werden, nicht im Verstande vielleicht, der staunend zurückbleibt, aber in Ihrem innersten Bewußtsein, Wach-sein und Wissen. Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
RAINER MARIA RILKE (I875-1926) an Franz Xaver Kappus, Worpswede bei Bremen, am 16. Juni 1903

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