Home



Infos
Tao te King

Der gönigliche Weg (53-67)

Zweites Buch

KAPITEL 53
122. Gesetzt, Ich hätte wenig Wissen nur Und wandelte den Großen Weg Ich würde nichts fürchten, als abzuweichen. Denn der Große Weg ist völlig plan; Nur, das Volk liebt die Saumpfade. 123. Ist der Palast voll Prunk gebaut, Doch die Felder voll von Kraut; Sind die Scheunen völlig leer, Doch die Kleider farbig-fein, Gürtet man ein scharfes Schwert, Ist man satt der Schwelgerein; Hat man Überfluß an Geld und Gut - Nenn ich das: Banditen-Übermut. Solches kann der Weg nicht sein!

KAPITEL 54
124. Was gut gepflanzt ist, wird nicht ausgereutet; Was gut umhüllt ist, wird nicht ausgebeutet. So wird der Opferdienst von Sohn und Enkel Ohn' Unterbrechen ausgebreitet. 125. Wenn du dies pflegst für dich allein, Wird deine Tugend wahrhaft sein. Wenn du dies pflegst bei dir zu Haus, Breitet sich deine Tugend aus. Wenn du dies pflegst am Heimatort, Wächst deine Tugend fort und fort. Wenn du dies pflegst im ganzen Land, Blüht deine Tugend unverwandt. Wenn du dies pflegst im ganzen Reich, Dient deine Tugend allen gleich. Wahrlich: Am eigenen Selbst bemißt man anderer Selbst; Am eignen Haus bemißt man die Häuser; Am eigenen Ort bemißt man die Orte; Am eigenen Land bemißt man die Länder; Am Reich bemißt man das Erdreich. Und woher wissen Wir, wie das Erdreich ist? Durch dieses.

KAPITEL 55
126. Die Völligkeit dessen, der Tugend in sich versammelt, Gleicht der eines neugeborenen Kindleins. Bienen, Skorpione, Vipern und Schlangen beißen es nicht; Wilde Tiere schlagen es nicht; Raubvögel reißen es nicht. Seine Knochen sind schwach, seine Sehnen weich, Dennoch ist fest sein Griff. Es weiß noch nicht von Mannes und Weibes Vereinigung, Dennoch zeigt sich sein Glied: Das ist der Samenkraft Gipfel. Den ganzen Tag schreit es, Dennoch wird es nicht heiser: Das ist der Gipfel natürlichen Einklangs. 127. Den Einklang kennen heißt: Ewig sein. Das Ewige kennen heißt: Erleuchtet sein. Das Leben mehren heißt: Unheil beschwören. Bewußt den Atem regeln heißt: Stärke (Starrheit) begehren. 128. Wird ein Wesen fest, so wird es alt. Dieses nennt man: Nicht dem Weg gemäß. Nicht dem Weg gemäß wird enden bald.

KAPITEL 56
129. Ein Wissender redet nicht; Ein Redender weiß nicht. 130. [Der Heilige Mensch] Versperrt seinen Zugang, Verschließt sein, Pforten, Schabt ab seine Schärfen, Löst auf seine Wirren, Beschwichtigt sein Glänzen, Vereint seinen Staub. Dies nennt man Mystische Vereinung. 131. Darum ist er Unerreichbar aller Vertrautheit, Unerreichbar aller Zurückweisung, Unerreichbar allem Nutzen, Unerreichbar allem Schaden, Unerreichbar aller Ehrung, Unerreichbar aller Geringheit. Darum ist er geehrt vor allen andern im Reich.

KAPITEL 57
132. Mit dem Rechten regiert man das Land; Mit Ordnungswidrigem gebraucht man die Waffen; Mit Ungeschäftigkeit nimmt man das Reich. (Und woher weiß Ich, daß dem so ist? Durch dieses.) 133. Gibt es im Reich viel Hindrung und Verbot, So wird das Volk nur ärmer werden. Gibt es im Volk viel nützliches Gerät, So wird das Herrscherhaus verstört. Mehrt sich der Menschen Schläue und Geschick, Kommt auf viel Ordnungswidrigkeit. je mehr Gesetz und Weisung man erläßt Desto mehr Räuber gibts und Diebe. 133. Darum sagt der Heilige Mensch: »Ich bin ohne Tun, Und das Volk wird von selbst sich entfalten. Ich liebe die Stille, Und das Volk kommt von selber zur Ordnung. Ich bin ohne Geschäftigkeit, Und das Volk wird von selber reich. Ich bin ohne Begehren, Und das Volk wird von selber schlicht.«

KAPITEL 58
135. Wes Herrschaft bang-befangen, Des Volk wird harmlos prangen; Wes Herrschaft strebig-straff, Des Volk wird arg und schlaff. 136. Der Segen, ach! lehnt an das Unheil sich; Das Unheil, ach! es kauert vor dem Segen. Wer weiß, wo beider First gelegen? Da Rechtes nicht noch Ketzerei vorhanden, Verkehrt das Rechte sich in Widrigkeit Und muß das Gute sich in Dämonie verkehren. Daß blind der Menschen Blick, Des Tage werden ewig währen! 137. Deshalb, der Heilige Mensch Ist vierkant, ohne zu schneiden; Ist winklig, ohne zu stechen; Ist aufrecht, ohne sich zu dehnen; Ist glänzend, ohne zu blenden.

KAPITEL 59
138. Um die Menschen zu regieren Und dem Himmel zu dienen, Ist nichts so gut wie Geizen. Wohl! Dieses Geizen bedeutet: Sich frühzeitig unterziehen. Sich frühzeitig unterziehen, heißt: Die gespeicherte Tugend verdoppeln. Wenn einer die gespeicherte Tugend verdoppelt, Ist nichts, das er nicht zwingt. Wenn nichts ist, das einer nicht zwingt, So kennt niemand seinen First. Wes höchsten First niemand kennt, Der darf das Land haben. 139. Wer des Landes Mutter hat, Der kann ewig dauern. Dieses nennt man: Die Wurzel vertiefen und den Stamm festigen. Das ist der Weg ewigen Lebens Und dauernder Schau.

KAPITEL 60
140. Regier ein großes Land, Als ob du brietest kleine Grundeln. 141. Wenn nach dem Weg ist überwacht das Reich, So werden die Dämonen nicht Als Geister sich bekunden. Nicht nur, daß Dämonen sich Als Geister nicht bekunden; Es werden diese Geister Die Menschen nicht verwunden. Nicht nur, daß diese Geister Die Menschen nicht verwunden; Auch wird der Heilige Mensch Die Menschen nicht verwunden. Wohl! Wenn einander nicht verwunden beide, Hat Tugend sich im Wechsel eingefunden.

KAPITEL 61
142. Ein großes Land soll sein wie Stromes Tiefebene, Soll sein des Erdreichs Sammelbecken, Des Erdreichs Weiblichkeit. Ewig überwindet das Weibliche Mit seiner Stille das Männliche. In seiner Stille ist es das Niedrige. Darum: Wenn ein großes Land Sich erniedrigt vor dem kleinen Lande, Gewinnt es das kleine Land. Weil das kleine Land Niedrig ist vor dem großen Lande, Gewinnt es, das große Land. Wahrlich: Das eine erniedrigt sich, Um dadurch zu gewinnen. Das andere ist niedrig, Und dadurch gewinnt es. Ein großes Land begehrt nichts, Als die Menschen einzuordnen und zu nähren. Ein kleines Land begehrt nichts, Als beizutreten und zu dienen. Wohl! Auf daß ein jedes von beiden erhält, Was es begehrt, Muß das große sich füglich erniedrigen.

KAPITEL 62
143. Der Weg ist der zehntausend Wesen Hort: Der guten Menschen Schatz, Der Bösen Zufluchtsort. 144. Durch schöne Worte kannst Du Würde dir erhandeln; Kannst überbieten andere Nur durch dein rechtes Wandeln. (Selbst die Bösen unter den Menschen, Warum sollte man sie verwerfen?) 145. Wahrlich: Erhebt man den Himmelssohn Oder setzt die drei Großminister ein, Auch wenn sie Jadetafeln in Händen tragen Und ihnen vier Pferde vorangehn: Besser wäre, sie säßen still, Und kämen weiter auf diesem Wege. Daß die Alten diesen Weg verehrten, Was war der Grund? Sagten sie nicht: Wer sucht, wird auf ihm finden; Wer schuldig ist, wird auf ihm entkommen? Darum ward er verehrt vor allem andern im Reich.

KAPITEL 63
146. Tun, was ohne Tun. Schaffen, was ohne Geschäft. Kosten, was ohne Köstlichkeit. Nimm Großes für klein, Vieles für wenig! Vergilt Groll mit Tugend! 147. Schwieriges planen, solang es leicht; Großes tun, solang es klein: Die schwierigsten Werke der Welt Sind sicher aus Leichtem gemacht; Die größten Werke der Welt Sind sicher aus Kleinstem gemacht. 148. Deshalb der Heilige Mensch: Bis ans Ende tut er nichts Großes. Darum kann er vollenden seine Größe. 149. Wohl! Wer vorschnell ja sagt, findet kaum Vertrauen; Wer vieles leicht nimmt, hat viel Schwierigkeit. 150. Deshalb der Heilige Mensch: Gleichsam tut er sich schwer. Darum bleibt er ohne Schwierigkeit bis ans Ende.

KAPITEL 64
151. Was friedlich ist, wird leicht gehalten; Mit dem, was noch kein Zeichen gab, ist leicht zu schalten. Was spröde ist, schmilzt leicht dahin; Was subtil, wird leidet zerstreut. Walte der Dinge, bevor sie da sind! Regiere, was noch nicht in Widerstreit! 152. Auch der gewaltigste Baum War als Keimling fein wie Flaum. Ein Turm von neun Stockwerken Stieg aus einem Häufchen Erde hinan; Eine Reise von tausend Meilen Fängt unter deinem Fuße an. 153. Wer etwas tut, zerstört es; Wer etwas festhält, verliert es. 154. Deshalb, der Heilige Mensch Ist ohne Tun und darum ohne Zerstörung, Ist ohne Festhalten und darum ohne Verlust. Das Volk jedoch, wenn es ein Werk verfolgt, Zerstört es ständig, wenns beinah vollendet ist. Gib acht auf das Ende wie das Beginnen, So kann dein Werk dir nicht mißlingen! 155. Deshalb, der Heilige Mensch Begehrt, nicht zu begehren; Schätzt schwer erlangbare Güter nicht; Lernt, nicht zu lernen; Kehrt sich zu dem, woran die Menge vorübergeht. So stützt er der zehntausend Wesen natürliches Weben, Aber wagt nicht zu tun.

KAPITEL 65
156. Wer im Altertum gut war, des Weges zu walten, Tat es nicht, damit das Volk erleuchtet würde, Sondern, um es damit töricht zu halten. . Denn das Volk ist um so schwerer zu regieren, Je größer seine Klugheit ist. 157. Wahrlich: Wer mit Klugheit herrscht im Land, Ist seines Landes Dieb; Wer nicht mit Klugheit herrscht im Land, Ist seines Landes Glück. Er, der die beiden [Möglichkeiten] kennt, Hat auch ein festes Richtmaß gewonnen. Ewig ein festes Richtmaß kennen, Dies nennt man Mystische Tugend. Die Mystische Tugend, wie tief, wie weit! Wie gegensinnig den Wesen! Doch erst danach gelangt man Zum großen Gleichströmen.

KAPITEL 66
158. Was macht, daß Strom und Meer vermögen, König zu sein den hundert Flußtälern? Weil sie gut sind im Niedrigsein, Darum vermögen sie, König zu sein den hundert Flußtälern. 159. Deshalb: Wer dem Volk will über sein, Stellt sich in seinem Wort ihm unter. Wer dem Volk voran sein will, Stellt sich mit seinem Selbst dahinter! 160. Deshalb, der Heilige Mensch Weilt oben, ohne das Volk zu belasten; Weilt vorn, ohne dem Volk zu schaden. Deshalb freut sich das Reich, ihn zu fördern, Und wird seiner nicht müde. Weil er nicht streitet, Darum vermag niemand im Reich, Mit ihm zu streiten.

KAPITEL 67
161. Im Reich sagt jeder, Mein Weg wäre groß, Doch er gleiche nicht dem Herkömmlichen. Wohl! Eben weil er groß, Darum gleicht er nicht dem Herkömmlichen. Und wenn er herkömmlich wäre, Er wäre seit langem verkümmert. 162. Wohl! Ich habe drei Kostbarkeiten, Die ich mir halte und hüte. Die erste heißt: Barmherzigkeit; Die zweite heißt: Mäßigkeit; Die dritte heißt: Nicht wagen, dem Reich voranzugehn. Barmherzig - darum vermag ich, mutig zu sein; Mäßig - darum vermag ich, großzügig zu sein; Nicht wagend, dem Reich voranzugehn - Darum vermag ich, Leiter zu sein den >Geräten<. Doch heutzutage ist man mutig Unter Verzicht auf Barmherzigkeit; Ist man großzügig unter Verzicht auf Mäßigkeit; Geht man voran unter Verzicht auf das Zurückstehn - Das wird zum Tode führen! 163. Wohl! Wer mit Barmherzigkeit kämpft, der siegt; Wer mit ihr sich schützt, der ist sicher. Wen der Himmel will retten, Mit Barmherzigkeit schützt er ihn.


Wikipedia:

 

 

Counter