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Tao te King

Der gönigliche Weg (38-52)

Zweites Buch

KAPITEL 38
86. Höchste Tugend weiß von der Tugend nicht; Daher gibt es die Tugend. Niedere Tugend läßt von der Tugend nicht; Daher mangelt die Tugend. Höchste Tugend ist ohne Tun; Ist auch ohne Grund, warum sie täte. Niedere Tugend tut, Hat auch einen Grund, warum sie tut. Höchste Menschlichkeit tut, Aber ohne Grund, warum sie tut. Höchste Rechtlichkeit tut, Doch mit einem Grund, warum sie tut. Höchste Sittsamkeit tut; Und wenn ihr niemand erwidert, Zwingt sie die andern mit aufgekrempelten Ärmeln. 87. Wahrlich: Wer den Weg verliert, Ist nachher tugendhaft. Wer die Tugend verliert, Ist nachher gerecht. Wer die Rechtlichkeit verliert, Ist nachher sittsam. 88. Wohl! Die Sittsamkeit Ist eine Verkümmerung von Lauterkeit und Treue; Des Haders Anfang ist sie. Vorkenntnis Ist eine prangende Blüte des Weges, Aber der Torheit Beginn. 89. Deshalb der große, gereifte Mann: Hält sich an das Völlige Und verweilt nicht beim Kümmerlichen; Hält sich an den Kern Und verweilt nicht bei der Blüte. Wahrlich: Von jenem laß! Dieses erfaß!

KAPITEL 39
90. Denen vorzeiten ward Einheit verliehen: Dem Himmel ward Einheit verliehn Und damit die Reine. Der Erde ward Einheit verliehn Und damit die Stille. Den Geistern ward Einheit verliehn Und damit die Seele. Dem Flußtal ward Einheit verliehn Und damit die Fülle. Den zehntausend Wesen ward Einheit verliehn Und damit das Leben. Dem Fürsten, dem König ward Einheit verliehn, Um Ordnung dem Erdreich zu geben. Was dieses bewirkt hat, ist die Einheit. Fehlte dem Himmel, wodurch er rein, Er würde gewißlich zerreißen. Fehlte der Erde, wodurch sie gestillt, Sie würde gewißlich zerspleißen. Fehlte den Geistern, wodurch sie beseelt, Sie würden gewiß sich entwinden. Fehlte dem Flußtal, wodurch es gefüllt, Es würde gewißlich schwinden. Fehlte den zehntausend Wesen, wodurch sie belebt, Sie würden gewißlich verenden. Fehlte dem Fürsten, dem König, wodurch sie geehrt und erhöht, Sie würden zum Sturze sich wenden. 91 Wahrlich: Ehre hat zur Wurzel die Geringheit, Hoheit zum Sockel die Niedrigkeit. Deshalb heißen die Fürsten und Könige sich selbst: Ich Waise, Meine Kärglichkeit, Meine Unzulänglichkeit. Ist dieses nicht, weil sie zur Wurzel die Geringheit nehmen? 92. Wahrlich: Wer allzu hochfahrend ist, wird wenig hoch fahren. Und: Wünsche nicht zu funkeln gleich einem Juwel, Zu klingeln gleich einem Klangstein!

KAPITIEL 40
93. Im Gegensinn verläuft des Weges Bewegung; In seiner Schwäche liegt des Weges Brauchbarkeit. 94. Aus dem Sein sind die zehntausend Wesen geboren; Das Sein ist aus dem Nichtsein geboren.

KAPITEL 41
95. Ein Meister hohen Grades, der vom Wege hört, Wandelt ihn gewissenhaft. Ein Meister mittleren Grades, der vom Wege hört, Befolgt ihn einmal und verläßt ihn ein andermal. Ein Meister niederen Grades, der vom Wege hört, Verlacht ihn lauthals. Was keiner verlacht, Ist würdig nicht, daß man zum Weg es macht. 96. Darum heißt es in den stehenden Worten: Den Weg erleuchten gleicht der Dunkelheit; Den Weg vorangehn scheint wie Rückwärtsschreiten; Den Weg plan machen scheint Unebenheit. Die höchste Tugend gleicht dem Tal; Der größte Glanz ist gleichsam Schande, Weiteste Tugend scheinbar schmal. Festeste Tugend dünkt dich unscheinbar; Die volle Wahrheit ist wie schwindend; Ein großes Viereck ist der Winkel bar. Ein groß Gerät wird spät vollendet; Ein großer Ton klingt selten bloß; Ein großes Bild ist ohne Formen; Der Weg verbirgt sich und ist namenlos. 97. Wohl! Nur der Weg Ist gut im Ausleihn und vollenden.

KAPITEL 42
98. Der Weg schuf die Einheit. Einheit schuf Zweiheit. Zweiheit schuf Dreiheit. Dreiheit schuf die zehntausend Wesen. Die zehntausend Wesen Tragen das dunkle Yin auf dem Rücken, Das lichte Yang in den Armen. Der Atem des Leeren macht ihren Einklang. 99. Was die Menschen verabscheun, Ist Verwaistheit, Kargheit und Unzulänglichkeit: Doch König und Fürst bezeichnen sich selber so. Wahrlich, die Wesen: Manch einer mindert sie - sie werden mehr; Manch einer mehrt sie - doch sie mindern sich. 100. Was die Menschen lehren, Das lehre auch ich. Das Balkenstarke stirbt keinen guten Tod. Dies wollen Wir zum Vater unserer Lehre nehmen.

KAPITEL 43
101. Das Allerweichste der Welt Holt im Rennen das Allerhärteste ein: Ins Lückenlose dringt, was ohne Sein. 102. Daran erkennen Wir: Was ohne Tun ist, wird mehr. Nicht redend lehren, Ohne Tun sich mehren Wird auf der Welt nur selten erreicht.

KAPITEL 44
103. Ruhm oder Leib - was steht dir näher? Leib oder Gut - welches zählt mehr? Gewinnen oder Verlieren - welches macht Pein? Darum: Wer allzu sorgsam spart, wird groß vergeuden; Wer viel sich häuft, in Fülle büßt der ein. 104. Wer Genügen kennt, bleibt ohne Schande; Wer Einhalt kennt, ist ohne Gefahr. So kann er dauern und bleibt immerdar.

KAPITEL 45
105. Ein groß Vollendetes scheint voll von Rissen, Doch im Gebrauche bleibt es unverschlissen. Ein groß Gefülltes scheint wie leer, Doch im Gebrauche gibts unendlich her. Ein groß Aufrechter scheint wie krumm; Ein großer Könner scheint wie dumm; Ein großer Redner stockt wie stumm. 106. Durch Ungestüm besiegt man die Kälte; Durch Stillsein besiegt man die Hitze. Durch Reinheit und Stille Machst du das Erdreich recht.

KAPITEL 46
107. Wenn das Erdreich den Weg hat, Stellt man das Rennpferd zum Dunggeben ein. Wenn das Erdreich nicht den Weg hat, Züchtet man Kriegspferde selbst in der Vorstadt. 108. Kein Frevel größer, Als seinen Wünschen nachzugeben. Kein übel größer, Als nicht Genügen kennen. Kein Makel größer, Als nach Gewinn zu streben. Wahrlich: Wer Genügen kennt am Genügenden, Wird ständig genug haben.

KAPITEL 47
109. Ohne das Tor zu verlassen, Betreibe das Lernen: Kannst du das Erdreich erfassen; Ohne durchs Fenster zu spähn, Den Weg des Himmels sehn. je weiter wir hinausgegangen, Desto geringer wird unser Verstehn. 110. Deshalb der Heilige Mensch: Ohne zu wandeln, versteht er; Nichts, das dann ungetan bliebe. Ohne zu sehn, benennt er; Ohne zu tun, vollendet er

KAPITEL 48
111. Betreibe das Lernen: So mehrst du dich täglich. Betreibe den Weg: So minderst du dich täglich. Mindern und abermals mindern Führt dich zum Ohne-Tun. Bleib ohne Tun - Nichts, das dann ungetan bliebe. 112. Nimmst du das Reich, sei ständig ohne Geschäft! Denn wer beschäftigt ist, Ist unzulänglich, das Reich zu nehmen.

KAPITEL 49
113. Der Heilige Mensch ist ohne beständigen Sinn: Den Sinn der hundert Geschlechter Macht er zu seinem Sinn. »Zu den Guten bin Ich gut. Zu den Unguten bin Ich auch gut.« So empfängt er Güte. »Den Treuen vertraue ich. Den Ungetreuen vertraue Ich auch.« So empfängt er Vertrauen. 114. Der Heilige Mensch weilt im Reich voll Ängstlichkeit. Um des Reiches willen macht er verworren seinen Sinn. Die Hundert Geschlechter richten auf ihn Aug und Ohr. Der Heilige Mensch begegnet allen wie Kindern.

KAPITEL 50
115. Austritt ist Leben, Eintritt ist Tod. 116. Des Lebens Begleiter sind dreizehn. Des Todes Begleiter sind dreizehn. Die tödlichen Stellen in des Menschen Sind ebenfalls dreizehn. Und was der Grund? Er lebt sein Leben zu völlig. Denn ich habe gehört: Wer es versteht, sein Leben zusammenzuhalten, Der wandelt über Land und trifft nicht Nashorn noch Tiger; Der tritt in die Schlacht und trägt nicht Panzer noch Waffen: Das Nashorn findet nicht, worein das Horn zu stoßen; Der Tiger findet nicht, worein die Klaue zu schlagen; Die Waffe findet nicht, worein die Klinge zu bohren. Und was der Grund? Er ist ohne tödliche Stellen.

KAPITEL 51
117. Der Weg erzeugt; Die Tugend hegt; Die Wesen formen; Die Macht vollendet. Darum ist unter den zehntausend Wesen keines, Das nicht den Weg achtet und die Tugend ehrt. Den Weg zu achten, die Tugend zu ehren, Ewig geschieht es von selbst. Wahrlich: Der Weg erzeugt sie; Die Tugend hegt sie, Leitet und pflegt sie, Vermehrt sie, stützt sie, Nährt sie, beschützt sie. 118 Erzeugen, doch nicht besitzen; Tun, doch nicht drauf baun; Leiten, doch nicht beherrschen - Dies nennt man Mystische Tugend.

KAPITEL 52
119. Das Erdreich hat einen Anbeginn: Er sei des Erdreichs Mutter genannt. Wer einmal seine Mutter fand, Hat sich als ihren Sohn erkannt. Wer einmal sich als Sohn erkannt, Wird treuer noch die Mutter wahren; Sinkt hin sein Leib, ist er ohne Gefahren. 120. Wer seinen Zugang sperrt Und seine Pforten schließt, Des Leib ist ohne Mühsal bis zum Ende. Wer seinen Zugang öffnet Und fördert seine Werke, Des Leib ist ohne Rettung bis zum Ende. 121. Kleinstes sehen heißt: Erleuchtung. Weichheit wahren heißt: Stärke. Wer seinen Glanz gebraucht, Um zur Erleuchtung heimzufinden, Der büßt nichts ein, trifft Unheil seinen Leib. Dies nennt man: Sich dem Ewigen verbinden.


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