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Tao te King

Der gönigliche Weg (25-37)

Erstes Buch

KAPITEL 25
58. Ein Wesen gibt es chaotischer Art, Das noch vor Himmel und Erde ward, So tonlos, so raumlos. Unveränderte auf sich nur gestellt, Ungefährdet wandelt es im Kreise. Du kannst es ansehn als die Mutter der Welt. Ich kenne seinen Namen nicht. Ich sage Weg, damit es ein Beiwort erhält. Und wenn ichs mit Mühe benennen soll, Sag Ich- Das Große. Großsein (dad) heißt: Sich Verlieren (djad); Sich Verlieren heißt: Sich Entfernen; Sich Entfernen heißt: Im Gegensinn gehn. 59. Wahrlich: Groß ist der Weg, groß der Himmel, Groß die Erde, groß der König! Vier Große gibt es in den Grenzen des Alls. Der Mensch ist einer von ihnen. Der Mensch nimmt zum Gesetz die Erde; Die Erde zum Gesetz den Himmel; Der Himmel zum Gesetz den Weg; Der Weg nimmt zum Gesetz das eigene Weben.

KAPITEL 26
60. Das Schwere ist des Leichten Wurzelgrund; Das Stille ist des Ungestümen Herr. Deshalb: »Ein Herrensohn, reist er auch tagelang, Trennt sich von seinem Fuhrwerk nie, dem schweren. Gibt es auch schimmernde Blicke rings, Er bleibt am Platz, gelassen, unberührt.« Wie dürfte dann ein Gebieter über zehntausend Kampfwagen Um seiner selbst willen leicht nehmen das Reich? Nimmt er es leicht, verliert er den Wurzelgrund; Und ist er ungestüm, verliert er die Herr-schaft.

KAPITEL 27
61. Ein guter Fahrer ist ohne Wagenspur; Ein guter Redner ohne falschen Zungenschlag; Ein guter Rechner braucht keinen Rechenstab. Ein gut Verschlossenes hat weder Bolzen noch Riegel, Dennoch kann es nicht geöffnet werden; Ein gut Geknüpftes hat weder Schnur noch Schlinge, Dennoch kann es nicht gelöst werden. 62. Deshalb der Heilige Mensch: Ständig ist er gut, den Menschen zu helfen; Darum gibt es keine verworfenen Menschen. Ständig ist er gut, den Wesen zu helfen; Darum gibt es keine verworfenen Wesen. Dies nennt man die Doppelte Erleuchtung. 63. Wahrlich: Ein guter Mensch ist des Bösen Lehrer; Der böse Mensch ist des guten Kapital. Wer nicht ehrt seinen Lehrer, Wer nicht schont sein Kapital: Er wäre noch so klug, er wäre höchst verblendet! Dies nennt man das Wichtige Geheimnis.

KAPITEL 28
64. Erkennt eure Mannheit, Bewahrt eure Weibheit! So seid ihr dem Erdreich ein Quell. Wer dem Erdreich ein Quell: Ewige Tugend verläßt ihn nicht, Heim kehrt er wieder zur Kindheit. Erkennt eure Helle, Bewahrt euer Dunkel! So seid ihr dem Erdreich ein Maß. Wer dem Erdreich ein Maß: Ewige Tugend verfehlt ihn nicht, Heim kehrt er zum Grenzenlosen. Erkennt eure Würde, Bewahrt eure Schande! So seid ihr dem Erdreich ein Tal. Wer dem Erdreich ein Tal: Ewige Tugend hat der genug, Heim kehrt er zum Groben und Schlichten. 65. Wenn man das Grobholz zerteilt, Werden Geräte daraus. Wenn der Heilige Mensch sie gebraucht, Wird er zum Leiter der Amtsleute. Wahrlich: Ein groß Gefügtes ist ungefeilt.

KAPITEL 29
66. Wenn einer begehrt, das Reich zu nehmen, Um an ihm zu tun - Ich sehe voraus, daß er scheitert. Denn das Reich ist ein Geist-Gerät: Es darf an ihm nichts getan werden. Wer ihm antut, zerstört es; Wer es festhält, verliert es. 67. Wahrlich, die Wesen: Bald gehn sie vor und folgen nach alsbald; Nun ist ihr Atmen warm, nun ist ihr Keuchen kalt; Nun sind sie stark und sind alsbald verkümmert; Zermalmen bald und liegen bald zertrümmert. 68. Deshalb, der Heilige Mensch Weist ab das Ungemeine, Weist ab das Vermessene, Weist ab das Grandiose.

KAPITEL 30
69. Wer nach dem Wege beisteht einem Menschengebieter, Wird nicht mit Waffengewalt das Erdreich niederschlagen: Leicht träte dann der Umschwung ein. Denn dort, wo Heere lagen, Können nur Dornen und Disteln gedeihn; Nach einer großen Schlacht Folgen Jahre der Plagen. 70. Ein guter [Feldherr] hat Erfolg, Aber läßt es dabei bewenden. Er wagt nicht, zu nehmen mit Gewalt. Er hat Erfolg, aber rühme sich dessen nicht; Er hat Erfolg, aber spiele sich nicht auf; Er hat Erfolg, aber sei nicht hochtrabend; Er hat Erfolg, aber nur, wenn er nicht umhin kann. Er hat Erfolg, aber sei nicht gewaltsam. 128. (Wird ein Wesen fest, so wird es alt. Dieses nennt man: Nicht dem Weg gemäß. Nicht dem Weg gemäß wird enden bald.)

KAPITEL 31
72. (Wohl! Eben weil die Waffen Geräte des Unheils sind Und die Wesen sie hassen, Darum weilt, wer den Weg hat, Nicht in ihrer Nähe. Befindet sich der Edelmann daheim, Hält er wert die Linke; Gebraucht er die Waffen, Hält er wert die Rechte.) 71. Waffen sind Geräte des Unheils, Keine Geräte des Edelmanns. Nur wenn er nicht umhin kann, gebraucht er sie. Friedliche Milde ist sein Höchstes. Siegt er, so findet ers nicht schön. Denn wer es schön fände, Der freute sich, andere Menschen zu töten. Wer aber sich freut, andere Menschen zu töten, Darf seinen Willen dem Reiche nicht aufprägen. 73. (Bei glücklichem Anlaß ist links der Ehrenplatz Bei traurigem Anlaß ist rechts der Ehrenplatz. Der Nebenfeldherr steht auf der Linken Der Oberfeldherr steht auf der Rechten.' Dies will besagen: Er hält es wie beim Leichenbegängnis. Wenn Menschen getötet sind in Menge, Beklagt man sie voll Trauer und Verzweiflung: Wer in der Schlacht gesiegt hat, Der halte es wie beim Leichenbegängnis.)

KAPITEL 32
74. Der Weg ist ewig, namenlos. Die Schlichtheit [des Namenlosenl So gering sie sei - Das Erdreich wagt nicht, sie dienstbar zu machen. Könnten die Fürsten und Könige dieses bewahren Kämen die zehntausend Wesen von selbst zu Gast; Himmel und Erde würden sich vereinen, Um süßen Tau hinabzusenden, Und das Volk wäre einträchtig ohne Befehl. 75. Erst wenn verfügt wird, gibt es Namen. Nachdem wir einmal mit Namen benennen, Wohl! So müssen wir Einhalt kennen. Wer Einhalt kennt, kann ungefährdet bleiben. 76. Wenn du vergleichen willst Des Weges Dasein in der Welt: Er gleicht dem Bach, dem Talfluß, Die strom- und meerwärts treiben.

KAPITEL 33
77. Wer die Menschen kennt, der ist klug; Wer sich selber kennt, ist erleuchtet. Wer andere Menschen besiegt, hat Gewalt; Wer sich selbst besiegt, der ist stark. Wer Genügen kennt, der ist reich; Wer vorgeht mit Gewalt, der hat Willen. Wer seinen Platz nicht verliert, der dauert; Wer stirbt, ohne zu vergehn, lebt immerdar.

KAPITEL 34
78. Der Große Weg ist überströmend so, Daß er nach links und rechts sich wenden mag. Die Wesen alle danken ihm ihr Leben, Ohne daß er sich einem versagt. Er wirkt, doch legt sein Werk nicht in Beschlag 79. Er kleidet und ernährt alle Wesen, Aber macht sich nicht zum Gebieter. Weil ewig ohne Begehren, Kann er durch Kleines benannt werden. Weil alle Wesen ihm sich zuwenden, Ohne daß er sich zum Gebieter macht, Kann er durch Großes benannt werden. Weil er niemals sich selbst für groß nimmt, Darum kann er vollenden seine Größe.

KAPITEL 35
80. Hältst du das Große Bild in Händen, Wird sich das Erdreich zu dir wenden. Sich zu dir wenden und frei sein von Leid - Friede, Gleichheit, All-Einigkeit! 81. Klang von Musik und Wohlgeruch der Speisen: Die Fremden hält es, die vorüberreisen. Doch was der Weg an Worten bietet dar, Ist ohne Duft und Köstlichkeit dem Munde. Wer es erblickt, den dünkt es unscheinbar; Wer es vernimmt, nimmts nur mit Mühe wahr; Wer es gebraucht, kommt aber nie zum Grunde.

KAPITEL 36
82. Was du willst zwängen, Mußt vorher du längen. Was du willst schwächen, Mußt vorher du stark machen. Wen du willst aufgeben, Den mußt du hinaufheben. Von wem du willst haben, Den mußt du begaben. 83. Dies wird Subtile Erleuchtung genannt: Das Weiche, Schwache besiegt Des Harten und Starken Widerstand. 84. [jedoch:] Nie darf der Fisch Hinauf aus seinem Grunde steigen. Des Landes wirksamstes Gerät Darf man den Menschen nicht zeigen.

KAPIREL 37
85. Der Weg ist ewig ohne Tun; Aber nichts, das ungetan bliebe. Könnten die Fürsten und Könige dieses bewahren, Würden die zehntausend Wesen von selbst sich entfalten. Würden sie aber, entfaltet, zu handeln begehren: Durch die Schlichtheit des Namenlosen Müßten Wir ihnen dann wehren. Die Schlichtheit des Namenlosen, Wohl! sie führt zum Ohne-Begehren. Nicht-Begehren wird in Stille -münden, Und das Reich wird selbst zur Ordnung finden.


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