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Tao te King

Der gönigliche Weg (1-12)

Erstes Buch

KAPITEL 1
1
. Könnten wir weisen den Weg, Es wäre kein ewiger Weg. Könnten wir nennen den Namen, Es wäre kein ewiger Name. 2. Was ohne Namen, Ist Anfang von Himmel und Erde; Was Namen hat, Ist Mutter den zehntausend Wesen. 3. Wahrlich: Wer ewig ohne Begehren, Wird das Geheimste schaun; Wer ewig hat Begehren, Erblickt nur seinen Saum. 4. Diese beiden sind eins und gleich. Hervorgetreten, sind ihre Namen verschieden. Ihre Vereinung nennen wir mystisch. Mystisch und abermals mystisch: Die Pforte zu jedwedem Geheimnis.

KAPITEL 2
5. Erst seit auf Erden ein jeder weiß von der Schönheit des Schönen Gibt es die Häßlichkeit; Erst seit ein jeder weiß von der Güte des Guten, Gibt es das Ungute. (VERSCHICKEN)
6. Wahrlich: Sein und Nichtsein entspringen einander; Schwer und Leicht bedingen einander; Lang und Kurz vermessen einander; Hoch und Tief erzwingen einander. Die Stimme fügt sich dem Ton im Chor; Und ein Danach folgt dem Zuvor. 7. Deshalb der Heilige Mensch: Er weilt beim Geschäft des Ohne-Tun, Er lebt die Lehre des Nicht-Redens. Die zehntausend Wesen werden geschaffen von ihm, Doch er entzieht sich ihnen nicht. Er zeugt, aber besitzt nicht; Er tut, aber baut nicht darauf. Ist das Werk vollendet, verweilt er nicht dabei. 8. Wohl! Nur dadurch, daß er nicht verweilt, Ist nichts, das ihm entginge.

KAPITEL 3
9. Wer nicht die Tüchtigen ehrt, Bewirkt, daß das Volk sich nicht streitet. (VERSCHICKEN) Wer nicht die Güter schätzt, die schwer zu erlangen, Bewirkt, daß das Volk nicht zu Räubern wird. Wer nicht vorzeigt, was man begehren kann, Bewirkt, daß des Volkes Sinn nicht aufsässig wird. 10. Deshalb des Heiligen Menschen Regierung: Er leert ihren Sinn Und füllt ihren Bauch; Er schwächt ihren Willen Und stärkt ihre Knochen. Ewig läßt er das Volk Ohne Wissen, ohne Begehren Und wirkt, daß die Klugen Nicht wagen zu tun. 11. Tut er das Ohne-Tun, Ist nichts, das nicht regiert würde.

KAPITEL 4
12. Der Weg ist raumleer, Daß im Gebrauch er niemals gefüllt wird. Abgründig ist er, ach! Dem Ahnherrn der zehntausend Wesen gleich. 130. (Er schabt ab seine Schärfen, Löst auf seine Wirren, Beschwichtigt sein Glänzen, Vereint seinen Staub.) 12. Tiefgründig ist er, ach! Und gleichsam ewig gegenwärtig. Ich weiß nicht, wessen Sohn er ist - Ein Bild von dem, das vor den Göttern war.

KAPITEL 5
13. Himmel und Erde sind nicht menschenfreundlich; sie nehmen die zehntausend Wesen für Strohhunde. Der Heilige Mensch ist nicht menschenfreundlich; Er nimmt die hundert Geschlechter für Strohhunde. (VERSCHICKEN) 14. Himmel und Erde, wie gleicht Ihr Zwischenraum einem Blasebalg! Er fällt nicht ein, ob noch so leer; je mehr bewegt, gibt aus er um so mehr. 15. Viele Worte - manch Verlust. Am besten, man bewahrt sie in der Brust!

KAPITEL 6
16. Unsterblich ist die Fee des Tals: So heißt es von der Mystischen Weibheit. Der Mystischen Weibheit Pforte: So heißt man die Wurzel von Himmel und Erde. Endlos wallend, gleichsam gegenwärtig, Also wirkt sie sonder Beschwerde.

KAPITEL 7
17. Der Himmel währt ewig, und die Erde dauert. Was aber macht, daß Himmel und Erde vermögen Zu währen, zu dauern? Weil sie nicht sich selber leben, Darum vermögen sie, ewig zu leben. 18. Deshalb der Heilige Mensch. Er setzt zurück sein Selbst - Und es wird vorne sein; Er treibt hinaus sein Selbst - Und sein Selbst tritt ein. Ist das nicht, weil er ohne Eigennutz? Darum vermag er, sein Eigen zu vollenden.

KAPITEL 8
19. Das höchste Gute gleicht dem Wasser. Des Wassers Gutsein: Es nützt den zehntausend Wesen, Aber macht ihnen nichts streitig; Es weilt an Orten, Die die Menge der Menschen verabscheut. Darum ist es nahe dem Weg 20. Gut ist beim Wohnen: der Grund. Gut ist beim Sinnen: die Tiefe. Gut ist beim Geben: die Menschlichkeit. Gut ist beim Reden: die Treulichkeit. Gut ist beim Herrschen: die Ordnung. Gut ist beim Schaffen: die Fähigkeit. Gut beim Sich-Regen: die rechte Zeit. 21. Wohl! Nur, wer sich nicht streitet, Ist gegen Schmähung gefeit.

KAPITEL 9
22. [Den Becher] halten und füllen zugleich - Besser, du ließest es sein! [Die Klinge] betasten und schärfen zugleich - Das dauert nicht lange! Voll Erz und Juwelen de Halle - Niemand kann sie bewahren. Stolz auf Reichtum und Ehre Schafft selber sich Unheil. Sein Werk vollbringen Und sich zurückziehn: Also des Himmels Weg.

KAPITEL 10
23. Zügelnd den Leibgeist, umfangend das Eine, Kannst ohne Fehl du sein. Versammelnd den Atem, gelangend zur Weichheit, So kannst ein Kind du sein. Reinigend, läuternd den mystischen Blick, Kannst ohne Mal du bleiben. Schonend das Volk dein Land regierende Kannst ohne Tun du bleiben. Die himmlischen Pforten geöffnet, geschlossen, Kannst du zum Weibchen werden. Erleuchtend die vier Enden der Welt, Kannst unerkannt du sein auf Erden. 24. Erzeuge das, hege das! Erzeugen, doch nicht besitzen; Tun, doch nicht drauf baun; Leiten, doch nicht beherrschen - Dies nennt man Mystische Tugend.

KAPITEL 11
25. Der Speichen dreimal zehn Auf einer Nabe stehn. Eben dort, wo sie nicht sind, Ist des Wagens Brauchbarkeit. Man knetet Ton zurecht Zum Trinkgerät: Eben dort, wo keiner ist, Ist des Gerätes Brauchbarkeit. Man meißelt Tür und Fenster aus Zur Wohnung. Eben dort, wo nichts ist, Ist der Wohnung Brauchbarkeit. Wahrlich: Erkennst du das Da-Sein als einen Gewinn, Erkenne: Das Nidit-Sein macht brauchbar.

KAPITEL 12
26. Die Fünf Farben Machen das Auge der Menschen blind; Die Fünf Töne Machen das Ohr der Menschen dumpf; Die Fünf Geschmäcke Machen den Mund der Menschen stumpf. Wagenrennen und ' Jagden Machen den Sinn der Menschen toll; Schwer erlangbares Gut Macht ihren Wandel bürdevoll. 27. Deshalb, der Heilige Mensch Tut für den Bauch, Nicht für das Aug. 28. Wahrlich: Von jenem laß! Dieses erfaß!


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